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Winterfahrt
Eigentlich ist das Rad ja bereits im Herbst
eingemottet worden, gut verpackt sollte es im Keller den Winter überstehen. Die
Begriffe Winter und Rennrad ließen sich meiner Meinung nach nicht recht
vereinbaren.
Doch seit Tagen scheint so wundervoll die Sonne, schaut man aus dem warmen
Zimmer nach draußen, könnte es fast Sommer sein. Aber das Thermometer will
einfach nicht über den Gefrierpunkt klettern. Die Sonne lockt weiter und ich
kann mein Rad aus dem Keller rufen hören. Die Straßen sind frei und trocken,
stellen also auch keinen Hinderungsgrund dar. Auf Mallorca oder in Südafrika
müsste man sein, wie die Profis bei 20 Grad locker vor sich hinpedalieren. Aber
ich bin nun mal hier, also was tun?
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt und wenn man selbst wankelmütig ist, sucht man
sich Unterstützung. Also ran ans Telefon und meinen Trainingspartner angerufen.
„Heut ist Sonntag, Lust auf eine kleine Runde?“ Die Reaktion kommt prompt:
„Spinnst Du? Ist dein Thermometer kaputt?“, tönt es vom anderen Ende der
Leitung. Doch nach ein paar weiteren Überredungsanläufen sagt er zu.
Schnell an den Schrank und Inventur gemacht, bevor es sich einer von uns beiden
anders überlegt. Was gibt es zu beachten? Das berühmte Zwiebelschalenprinzip
fällt mir ein – lieber viele dünne Schichten als eine dicke. Etwas anderes gibt
mein Kleiderschrank eh nicht her und so werden einige herbsttaugliche Trikots
und Hosen ans Tageslicht befördert. Mal sehen, ob die Funktionshose und – jacke
halten, was die Hersteller versprechen. Test unter Härtebedingungen. Mütze,
Halstuch und Neoprenüberschuhe sind auch schnell gefunden, bleibt nur noch die
Problemzone „Hände“. Dort pfeift der Fahrtwind ja am gemeinsten und es ist
eigentlich nicht die Kälte, sondern der Fahrtwind, der den Körper droht
auszukühlen. Doch da sehe ich das rettende Paar: doppeldick – das Training kann
beginnen.
Bald stehe ich mit Rad in der Hand bereit. Uff ist
mir warm, habe ich mich doch zu warm angezogen? Bevor ich etwas ändern kann,
kommt mein Trainingspartner angerollt und schon geht die Fahrt los.
Die ersten Meter sind grausam. Es ist ganz schön kalt, was habe ich uns da nur
eingebrockt? Sollen wir nicht lieber umkehren? Vor mir sehe ich ein Hinterrad
surren und da es meine Idee war, halte ich den Mund. Zum Glück, denn bereits
nach wenigen Metern fängt der Motor Körper an zu arbeiten und mir wird warm.
Jetzt bloß nicht zu schnell fahren. Lockeres Dahinrollen bei niedrigem Puls ist
angesagt und dabei durch die Nase atmen. Also immer schön auf die Pulsuhr
schielen, damit nicht die Pferde mit einem durchgehen.
Denn mit jedem gefahrenen Meter wird das Training
traumhafter. Mir ist mittlerweile angenehm warm, der Wind streicht erfrischend
übers Gesicht und die Sonne verwöhnt uns mit ihren Strahlen. Außerdem sind die
Straßen fast leer, kaum ein Auto oder Spaziergänger hat sich vor die Tür getraut
– herrlich!
Viel zu schnell geht die Runde zu Ende und wir stehen wieder bei mir vor der
Haustür. „Wenn das Wetter so bleibt, hol ich dich nächsten Sonntag um die
gleiche Uhrzeit ab“, ruft mein Trainingspartner noch, bevor er um die Ecke
biegt.
In diesem Sinne - "Raus mit euch!"
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